Therapeutisches Reiten mit autistischen Kindern, Erfahrungsbericht

Ich war mal wieder auf der Suche nach dem ein oder anderen Erfahrungsbericht in bezug auf therapeutisches Reiten. Dabei stieß ich auf einen Bericht über ein autistisches Kind, welches Reittherapie beanspruchte. Diese Bericht ist ein persönlicher Bericht.

Was ist Autismus?

Zu beginn möchte ich aber erst mal ein bisschen was über Authismus erzählen, da ggf. der oder die ein oder andere garnichts mit diesem Begriff anfangen kann.

Definition:

Autismus (von griechisch αὐτός autós selbst“) wird von der Weltgesundheitsorganisation zu den tiefgreifenden Entwicklungsstörungen gerechnet. Er wird von Ärzten, Forschern, Angehörigen und Autisten selbst als eine angeborene, unheilbare Wahrnehmungs- und Informationsverarbeitungsstörung des Gehirns beschrieben, die sich schon im frühen Kindesalter bemerkbar macht. Andere Forscher und Autisten beschreiben Autismus als angeborenen abweichenden Informationsverarbeitungsmodus, der sich durch Schwächen in sozialer Interaktion und Kommunikation sowie durch stereotype Verhaltensweisen und Stärken bei Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Intelligenz zeigt.

In den aktuellen Diagnosekriterien wird zwischen frühkindlichem Autismus (Kanner-Syndrom) und dem Asperger-Syndrom unterschieden, das sich oftmals erst nach dem dritten Lebensjahr bemerkbar macht. Zur Unterscheidung der verschiedenen Ausprägungen und Symptome von Autismus, der verschiedene Schweregrade kennt, dient das Autismusspektrum (Autismus-Spektrum-Störung (ASS)). Hier ist jedoch die genaue Abgrenzung schwierig, da die Verläufe eher fließend sind.

Symptome/Beschwerden

Die Symptome und die individuellen Ausprägungen des Autismus sind vielfältig, sie können von leichten Verhaltensproblemen an der Grenze zur Unauffälligkeit (etwa als Schüchternheit“ verkannt) bis zur schweren geistigen Behinderung reichen.

Allen autistischen Behinderungen sind Beeinträchtigungen des Sozialverhaltens gemeinsam: Schwierigkeiten, mit anderen Menschen zu sprechen (etwa wegen eintöniger Prosodie), Gesagtes richtig zu interpretieren, Mimik und Körpersprache einzusetzen und zu verstehen.

Kernsymptomatik bei autistischen Behinderungen ist vorrangig die Schwierigkeit, mit anderen Menschen zu kommunizieren (1. und 2. Diagnosekriterium). Alternativ werden stereotype oder ritualisierende Verhaltensweisen (3. Diagnosekriterium) bei allen autistischen Behinderungen als Kernsymptomatik erforscht. Autistische Menschen zeigen grundlegende Unterschiede gegenüber nicht-autistischen Menschen in der Verarbeitung von Sinneseindrücken und in der Art ihrer Wahrnehmungs- und Intelligenzleistungen. Auch die unterschiedliche Wahrnehmung wird als eine Kernsymptomatik des Autismus erforscht.

Inselbegabungen

Die Interessen von Autisten sind häufig auf bestimmte Gebiete begrenzt, jedoch besitzen manche von ihnen auf dem Gebiet ihres besonderen Interesses außergewöhnliche Fähigkeiten, zum Beispiel im Kopfrechnen, Zeichnen, in der Musik oder in der Merkfähigkeit. Man spricht dann von einer Inselbegabung„; diejenigen, die sie haben, nennt man Savants. 50 Prozent der bekannten Inselbegabten sind Autisten. Gleichzeitig ist nur ein sehr kleiner Teil der Autisten inselbegabt.

Historisches

Der Schweizer Psychiater Eugen Bleuler prägte den Begriff Autismus 1911. Er sah in ihm ein Grundsymptom der Schizophrenie die Zurückgezogenheit in die innere Gedankenwelt des an ihr Erkrankten. Sigmund Freud übernahm die Begriffe Autismus“ und autistisch“ von Bleuler und setzte sie annähernd mit Narzissmus“ bzw. narzisstisch“ gleich als Gegensatz zu sozial“.

Leo Kanner (Literatur: Kanner 1943) und Hans Asperger (Literatur: Asperger 1938) nahmen den Begriff unabhängig voneinander auf und beschrieben ein Störungsbild eigener Art. Sie unterschieden dabei Menschen mit Schizophrenie, die sich aktiv in ihr Inneres zurückziehen, von jenen, die von Geburt an in einem Zustand der inneren Zurückgezogenheit leben. Das erweiterte die Bedeutung des Begriffs Autismus“.

Kanner fasste den Begriff Autismus“ eng, was im Wesentlichen dem heute so genannten frühkindlichen Autismus (daher: Kanner-Syndrom) entsprach. Seine Sichtweise erlangte internationale Anerkennung und wurde zur Grundlage der weiteren Autismusforschung.

Die Veröffentlichungen Aspergers hingegen beschrieben Autismus“ etwas anders und wurden zunächst international kaum wahrgenommen. Dies lag zum einen am gleichzeitig stattfindenden Zweiten Weltkrieg, zum anderen daran, dass Asperger auf Deutsch publizierte und man seine Texte jahrzehntelang nicht ins Englische übersetzte. Hans Asperger selbst nannte das von ihm beschriebene Syndrom Autistische Psychopathie“. Die englische Psychiaterin Lorna Wing (Lit.: Wing 1981) führte sie in den 1980er Jahren fort und die Bezeichnung Asperger-Syndrom ein. Erst in den 1990er Jahren erlangten die Forschungen Aspergers internationale Bekanntheit in Fachkreisen.

Das Ausmaß und die Auswirkungen dieser Probleme sowie die spezielle Form, in der sie sich zeigen, sind sehr unterschiedlich und werden wie folgt beschrieben.

Formen des Autismus

Im deutschsprachigen Raum sind drei Diagnosearten des Autismus gebräuchlich:

Der frühkindliche Autismus, auch Kanner-Syndrom; auffälligstes Merkmal neben den Verhaltensabweichungen: aufgrund des frühzeitigen Auftretens eine stark eingeschränkte Sprachentwicklung; motorische Beeinträchtigungen nur bei weiteren Behinderungen; häufig geistig behindert. Je nach geistigem Leistungsvermögen wird der frühkindliche Autismus weiter unterteilt in Low, Intermediate und High Functioning Autism (LFA, IFA und HFA). Als LFA wird im englischsprachigen Bereich der mit geistiger Behinderung einhergehende frühkindliche Autismus bezeichnet, als HFA derjenige mit normalem oder überdurchschnittlichem Intelligenzniveau. Die Unterscheidung zwischen HFA und dem nachfolgend aufgeführten Asperger-Syndrom ist noch nicht geklärt, weshalb die Begriffe teilweise auch synonym gebraucht werden.

Der atypische Autismus erfüllt nicht alle Diagnosekriterien des frühkindlichen Autismus oder zeigt sich erst nach dem dritten Lebensjahr. Als Unterform des frühkindlichen Autismus wird er aber differenzial-diagnostisch gegen das Asperger-Syndrom abgegrenzt.

Das Asperger-Syndrom (veraltet auch autistische Psychopathie und schizoide Störung des Kindesalters) mit vor allem einer vom Zeitpunkt her altersgerechten Sprachentwicklung (nach der ICD-10 und dem DSM-IV ein Kriterium zur Diagnose wohingegen nach Gillberg & Gillberg eine verzögerte Sprachentwicklung ein mögliches Diagnosekriterium darstellt) und einem unter formalen Gesichtspunkten korrekten Sprachgebrauch. Menschen mit Asperger-Syndrom sind häufig motorisch ungeschickt.

Zu dem Formenkreis der tiefgreifenden Entwicklungsstörungen nach Einteilung des Diagnosemanuals ICD-10 zählen neben der autistischen Störung (im engeren Sinne) auch das

Rett-Syndrom und das Heller-Syndrom (desintegrative Psychose des Kindesalters), die eine ähnliche Symptomatik aufweisen, sich aber im Verlauf von Autismus unterscheiden. Beim Rett-Syndrom ist heute außerdem eine hierfür typische genetische Veränderung nachweisbar.

Neben kategorisierenden Unterteilungen des Autismus in verschiedene, deutlich voneinander abzugrenzende Arten gibt es das

autistische Spektrum oder auch die Autismus-Spektrum-Störung (ASS). Dies ist ein Konzept eines fließenden Überganges zwischen den verschiedenen Formen, eine insbesondere im englischsprachigen Raum zunehmende Sicht eines solchen Kontinuums verschiedener Ausprägungen. Vertreten wird es etwa von Tony Attwood, der seine Auffassung mit der Möglichkeit von Übergängen in Einzelfällen begründet. Es gibt beispielsweise Autisten, auf die die Diagnosekriterien des Asperger-Syndroms zutreffen, deren Auffälligkeiten in früher Kindheit jedoch der Diagnose des Kanner-Syndroms entsprachen. Zudem ist zweifelhaft, inwieweit eine auf theoretischen Intelligenzmodellen basierende IQ-Messung oder eine willkürlich festgelegte Altersgrenze für die Sprachentwicklung zur Unterscheidung dienen.

Susan Leekam et al. haben eine Studie veröffentlicht, nach der ein signifikanter Teil von nach ICD-10 mit frühkindlichem Autismus oder atypischem Autismus diagnostizierten Personen nach Gillbergs Diagnosekriterien mit Asperger diagnostiziert würden.

(Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Autismus)

Der Erfahrungsbericht:

Reittherapie mit einem autistischen Kind. Ein persönlicher Erfahrungsbericht

Vorbemerkungen

Als Vater eines 8 jährigen autistisch behinderten Sohnes und nach verschiedenen Erfahrungen mit den unterschiedlichsten Therapieformen, stellte sich mir die Frage, was für Möglichkeiten es noch gibt meinen Sohn Jan weitergehend zu unterstützen und zu fördern. Jan spricht nicht und zeigt die verbreiteten autistischen Verhaltensweisen wie kommunikative Beeinträchtigungen (verständigt sich nur nonverbal), stereotype Beschäftigungen (immer dieselben Computerspiele, dieselbe Musik, etc.), Zurückgezogenheit und kein Kontakt mit Gleichaltrigen, Vorlieben für Aufzüge, automatische Glastüren, Rolltreppen. Im körperlichen Bereich ist der Muskeltonus schlaff und mit Krankengymnastik wird hier versucht Verbesserungen zu erzielen. Mit FC wird versucht weitergehende Kommunikation anzubahnen und es zeigen sich erste kleine Erfolge.
Nach Lesen eines Artikels über Delphintherapie in Florida (14 Tage für 5.500 Dollar – Kasse zahlt ohnehin nicht) kam mir in den Sinn, Naheliegenderes auszuprobieren und die „Sache“ mit den Pferden ins Auge zu fassen.

Hippotherapie – was ist das?

Die Hippo- oder auch Reittherapie ist nichts neues. Bereits im griechischen Altertum (Hippokrates) wurde auf die heilende Wirkung des Pferderückens hingewiesen. Anfang der 60iger Jahre wurde dieses alte Wissen auch in Deutschland wieder aufgegriffen und die ersten Therapieansätze entwickelt.
Bei der Hippotherapie wird die 3-dimensionale Schwingung des Pferderückens in den verschiedensten Schrittarten genutzt um den Rumpf zu trainieren (Grobmotorik), den Gleichgewichtssinn, Halte- und Stützfunktionen zu schulen sowie eine Verbesserung in der Koordination der Bewegungsabläufe zu erzielen. Einher mit einer konsequenten Betätigung geht eine Normalisierung der Muskelspannung (Tonus). Das Herz-Kreislauf-System wird angeregt und im weiteren kommt noch die Wärme des Tieres dazu, die sich positiv auf die Psyche des Reiters(in) auswirkt. Auch wird das Reiten nicht als Therapie empfunden und bewirkt unmittelbare positive Erlebnisgefühle der Freude und des Spasses. Insoweit ist die Hippotherapie besonders geeignet für Menschen mit spastischen und schlaffen Lähmungen, Multipler Sklerose und frühkindlichen Hirnschäden und autistisch Behinderte.

Unterschieden zur Hippotherapie wird das heilpädagogische Voltigieren, bei dem – neben dem eigentlichen Reiten – gymnastische Turnübungen der unterschiedlichsten Schwierigkeitsgrade auf dem Pferd hinzukommen.

Bei beiden Formen hat jedoch in meinen Augen für den „Reiter“ ganz eindeutig das Pferd als „Therapeut“ die wichtigste Bedeutung, wobei die Reitlehrer als Therapeut für beide Arten eine Zusatzausbildung benötigen (Reitlehrer/Therapeuten sind in der Regel Pädagogen/Psychologen mit Zusatzausbildung). Ein ganz wichtiger Effekt ist bei der Reittherapie der, daß der Therapeut in Form des Reitlehrers (in) nicht direkt als Therapeut wahrgenommen sondern eher als Helfer/Anleiter/Lehrer betrachtet wird.

Der Reitstall
Meine Suche begann mit einem geeigneten Reitstall. Vom „Hörensagen“ versuchte ich es zuerst bei einem Heilbronner Reitstall, bin dann aber von dort auf einen Reitstall in Eschenau (Kreis Heilbronn) verwiesen worden.
Mein Eindruck war, daß ein Reitstall, in dem keine Lehrer mit Zusatzausbildung vorhanden sind, die Verantwortung für das Reiten von behinderten Kindern generell ablehnt – unabhängig vom Grad der Behinderung. Zur Begutachtung fand in Eschenau durch die erfahrene Leiterin (F. Winterbauer) eine Art Probereiten statt, bzw. ein Test wie der Jan auf ein so großes Tier reagieren würde. Der Test verlief positiv und obwohl Jan Angst/Befürchtungen hatte – und solche hatte ich auch einmal als ich auf (kleineres) Pferd gesessen bin -, lies er sich ohne großes Sträuben auf das große Pferd setzen.

Das Pferd (Therapeut)
Der „Therapeut“ war anfangs ein erfahrenes älteres Pferd namens „Gandhi“, das schon jahrelange Erfahrung im Umgang mit Behinderten sammeln (eine große Behinderteneinrichtung – Lichtenstern – nimmt hier ebenfalls das Angebot wahr) konnte. Es war von seiner Wesensart, soweit ich das als Pferdelaie überhaupt beurteilen kann, sehr ruhig und gutmütig. Ab einem späteren Zeitpunkt wurde auf einem Pony geritten (Mandy). Das Tier war von der Wesensart ebenfalls ruhig, erzeugte aber durch die kürzeren Schritte mehr Unruhe auf dem Pferderücken. Dies war Jan dann zum Teil – insbesondere beim Trab – eher unangenehm. Der Trainingseffekt für seine Muskeln dürfte aber besser sein. Nach Aussagen der Reitlehrerin gibt es Rückkopplungseffekte zwischen Reiter und Pferd. Das Pferd „weiß“ scheinbar was für ein Mensch mit welchen Behinderungen auf seinem Rücken sitzt. Ich hatte bei den beiden Therapiepferden niemals den Eindruck, daß es gefährlich werden könnte, als ob sie Rücksicht auf die anvertraute Person nehmen würden. Auf alle Pferde wird dies sicherlich nicht übertragbar sein.

Die Reitlehrerin („Zweittherapeut“)
Zu Beginn von Jans Reitstunden wurde durch die Chefin des Reitstalls eingeführt. Zum einen um die Risiken abzuwägen und den positiven Bezug zum Tier herzustellen, zum anderen auch um auszuloten was an Übungen sinnvoll ist und was nicht. Der(die) Reitlehrer(in) hat in meinen Augen die Aufgabe einzuschätzen welche Übungen möglich sind und auch die Verantwortung für das ganze Geschehen. Insoweit ist ein fachkundiger Blick für die Behinderungen und das Verhalten äußerst wichtig.

Das Konzept/Die Übungen
Aus meiner Sicht ist ein ganz wichtiger Aspekt die Verbesserung der Wahrnehmungsfähigkeit und die Kontaktaufnahme zu so einem großen Tier sowie die Entwicklung von Vertrauen und zwar sowohl im Hinblick auf Pferd/Lehrerin/Vater als auch in die eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten. Dieses Zutrauen und Vertrauen in sich und andere ist ein sehr wichtiger Aspekt, da dies bei Jan auch bei anderen Situationen immer wieder eine wichtige Rolle spielt.
Der Kontakt zu Gandhi wurde langsam aufgenommen. Ein sanftes Streicheln am Kopf – das erste Probesitzen – die ersten langsamen Bewegungen mit zweiseitiger Absicherung.
Das Pferd wird an einer Longe (Leine) geführt, so daß eine weitgehende Kontrolle vorhanden ist und die Gangart (Schritt, Trab, Galopp) des Pferdes „bestimmt“ werden kann.
Nachdem ein positiver Kontakt zu dem Tier hergestellt werden konnte ging es im weiteren darum, daß Jan ein Gefühl für das Sitzen auf dem Pferd bekam.

Neben den körperlichen Aspekten der unmittelbaren Trainingseffekte durch die rhythmische Bewegung des Pferdes wurden leichtere Übungen „anversucht“, die meines Erachtens aus dem Voltigieren kommen. Entgegen der Laufrichtung des Pferdes sitzen – Körper nach vorne lehnen – Körper nach hinten lehnen. Diese Übungen waren Jan jedoch nicht geheuer, so daß hiervon vorerst wieder Abstand genommen wurde.

Erfahrungen für Jan
Kontakt herstellen/aufnehmen
Ein ganz wesentlicher Punkt ist die Kontaktaufnahme zum Pferd. Es stellt ja in seiner Größe schon etwas Beachtliches dar. Mit Jan wurde die Kontaktaufnahme so angegangen, daß die Pferdeställe (wo wohnt das Pferd!) gezeigt wurden. Mit Berührungen (Handführung) am Körper und an den Nüstern wurde versucht „Angst herauszunehmen“. Karotten wurden fast immer zu den Reitterminen mitgenommen und an das Reitpferd aber auch an andere Pferde im Stall verfüttert. Zum Füttern gehört bereits etwas Mut, denn die Tiere sind sehr fordernd wenn sie merken, daß es etwas „Feines“ wie Karotten gibt. Der große Kopf kam dann immer mit einer großen Geschwindigkeit auf den Jan zu, der bereitwillig (nachdem er oft zuvor selbst ein Stück abgebissen hat) die Karotte dann immer abgab. Vor versehentlichem Beissen, denke ich muß, man keine Angst haben. Es ist niemals vorgekommen, daß es zu einem Zwicken/Beissen/hartem Anstossen oder ähnlichem gekommen ist.
Dieses Heranführen an das Tier ist sehr wichtig und sollte behutsam herbeigeführt werden. Wichtig ist, daß ein Zusammenhang zum eigentlichen Reiten hergestellt wird.
Wo steht das Pferd, Begrüßung durch körperlichen Kontakt, etwas zum fressen geben, zuschauen wie es „gesattelt“ (es war kein normaler Sattel, sondern eine Art gepolsterte Decke mit zwei stabilen Haltegriffen) wird, wie es in die Reithalle geführt wird bis hin zum Aufsteigen.
Wie er die Pferde wahrnimmt kann ich nicht einschätzen – ich bin aber sicher, daß er keine Angst hat, da sich Jan immer freut wenn er merkt, daß es zum Reiten geht.

Zutrauen gewinnen
Der Prozeß des Zutrauens ist in meinen Augen ein zweiteiliger. Zum einen mußte Jan ein Zutrauen in seine Betreuer und das Pferd erlangen, zum anderen auch ein Zutrauen in sich selbst.
Beim ersten Versuch war deutlich spürbar, daß ihm die Sache nicht geheuer war und er auch leicht Angst hatte. Durch Zureden, Erklären, das Tier anfassen, das Sehen daß auch andere auf einen Pferd reiten (in der Halle reiten parallel immer mehrere Personen) und alles in einer langsamen und angemessenen Geschwindigkeit, konnte es erreicht werden, daß Jan auf das Pferd aufstieg (über meine Schulter). Von beiden Seiten wurde dies beim ersten mal abgesichert. Schon nach wenigen Minuten war dann klar, daß es funktionieren würde, denn er strahlte freudig als sich das große Pferd gemütlich in Bewegung setzte. Damit war der erste Schritt des Zutrauens bewältigt – er traute sich also zu auf diesem und mit diesem Tier zu reiten. Anfangs war er noch bemüht den Kontakt zu mir (ich lief immer zur Absicherung nebenher) aufrechtzuerhalten (er griff oft nach mir), wollte aber nicht absteigen.
Dieses Zutrauen festigte sich im Laufe der regelmäßigen Reitstunden.

Selbstvertrauen stärken
Dieses Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten geht einher mit dem Selbstvertrauen. Je mehr an Sicherheit und Routine hinzukam, desto „selbstbewußter“ und mutiger wurde Jan. Auf Gandhi war ihm auch der Trab (schnellere Gangart als Schritt) angenehm. Oft war Jan anzumerken, daß das Reiten im Schritt bereits Routine (die Absicherungen konnten in Ansatz schon aufgegeben werden) geworden war und der Trab immer wieder Begeisterungsreaktionen auslöste. Dieses Selbstvertrauen ist in meinen Augen ein ganz wichtiger Punkt für autistisch Behinderte, denn ein Verharren in Stereotypien läßt sich oft auf das „Nichtzutrauen“ von neueren – wichtigen – Betätigungsformen zurückführen. Insoweit ist das Reiten auf einem Pferd für Jan ein Erfolgserlebnis das zur Stärkung seines Selbstvertrauens beiträgt und so weitere Entwicklungen ermöglichen kann.

Schlußbetrachtungen
Die Reittherapie wird von mir äußerst positiv eingeschätzt und ich werde diese weiter zusammen mit Jan betreiben. Mir selbst macht es auch Spaß, so daß ich mir überlege, mich selbst einmal auf „ein Pferd zu schwingen“. Jan ist immer bestens gelaunt, wenn er mit mir zusammen Reiten war. Es macht ihm Spaß und Freude und er erlebt sich auf dem Pferd unmittelbar als körperlich empfindungsfähiges Wesen. Zum Teil hatte ich auch den Eindruck, daß seine Bereitschaft zum Sprechen (Lautieren) zugenommen hat. Vor allem nach den ersten Reitstunden war Jan äußerst „plapprig“. Bereits seine positive Grundstimmung für den Rest des Tages ist Begründung genug und ich denke, daß verschiedene Entwicklungsprozesse (sich der Welt öffnen, Risiken eingehen, etc.) eher langfristig angelegt sind, die durch Steigerung des Selbstbewußtseins ermöglicht werden. Die körperlichen Effekte für sich alleine , rechtfertigen bereits die Reittherapie – und dies war für mich anfangs der entscheidende Punkt für den Einstieg.

Begriffe

Hippos: aus dem griechischen für Pferd.

Hippotherapie: spezielle krankengymnastische Form der Bewegungstherapie – medizinische Zuordnung – kann vom Arzt verordnet werden; Kosten können von den Kassen ganz oder teilweise übernommen werden.

Heilpädagogisches Reiten(HPR): ist der Reitheilpädagogik zuzuordnen. Spezieller Ausbildungsgang für Therapeuten- jedoch nicht in Deutschland; wird in der Regel von den Kassen nicht anerkannt.

Heilpädagogisches Voltigieren: spielerisches Turnen auf dem Pferd. Behinderte und nichtbehinderte können zusammen in kleinen Gruppen Übungen erarbeiten. Wird im Zusammenhang mit heilpädagogischem Reiten gesehen.

Longe: Laufleine, Hilfsleine – longieren: Pferd an einer Leine führen.

Nüstern: Nasenlöcher des Pferdes.

Gangarten des Pferdes: Schritt (langsames Gehen), Trab (schnelleres Gehen), Galopp (schnellste Gangart).

Voltigieren: auf dem galoppierenden Pferd akrobatische Übungen ausführen – sportlich klassische Form; heilpäd. Voltigieren: der Behinderung entsprechend angepaßte Form.

1 hier ist ein weiterer Gesichtspunkt wichtig: Das Reiten kann sich durch Verbesserung des Körperempfindens auch positiv auf die „Sauberkeitsentwicklung“ eines Kindes auswirken.

(Quelle: http://www.heyderw.de/autismus/au_reit_freiburg.html)

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