Wozu bracht man das eigentlich?

Vorwortsgedudel

Neulich hatte ich ein sehr interessantes Gespräch, mit einem unserer Bewohner, der recht fit ist. Unter fit meine ich, dass er körperlich nicht beeinträchtigt ist. Seine Diagnose lautet Autismus. Autisten sagt man gerne nach, dass sie viel in ihrer eigenen Welt leben. Was auch in vielen Punkten auf diesen Bewohner zutrifft.

Auf der anderen Seite, kann man sich aber auch sehr intensiv mit ihm über gewisse Themen unterhalten. Diese Gespräche lassen mich oft auch eine Weile nicht los. Da sie wirklich sehr in die Tiefe gehen. Und meist einen sehr spannenden Verlauf nehmen. Ganz zu schweigen davon, dass man situativ einen komplett anderen Blickwinkel auf die Dinge bekommt.

Aufwärmphase

An einem Wochenende waren wir unterwegs. Unser Autist hat uns von sich aus begleitet. Was mich zuerst etwas gewundert hatte, da er zu mir keinen sehr engen Bezug hat.

Wollte er auch noch ein paar Besorgungen erledigen und wollte wohl auch ein bisschen Gesellschaft und sich ein wenig unterhalten. Muss ich offen zugeben, dass ich einen halbwegs guten Draht zu ihm habe. Was allerdings auch nicht von Anfang an so war. Es hat Zeit gebraucht, die ich ihm aber auch ließ.

Unterwegs haben wir uns erst eine Weile über Technik unterhalten. Über PCs und Spiele. Davon habe ich allerdings nicht viel Ahnung, weshalb ich einfach geduldig zuhörte und immer wieder nachfragte, wenn ich etwas nicht verstand. Hatte der Bewohner die größte Freude daran, mir es dann ganz genau und haarklein zu erklären.

Im weiteren Verlauf

Mit der Zeit erzählte er mir immer mehr. Erzählte mir viel, was ihn interessiert. Was ihm Spaß macht. Sowohl in seiner Freizeit als auch beruflich. Erfuhr somit einige Dinge, von denen ich überhaupt nicht wusste, dass diese in seinem Kopf vorgingen.

Überhaupt nicht wusste, dass er diese Interessen überhaupt hat. Bei manchen waren sogar die Kollegen überrascht, als ich ihnen davon erzählt hatte. Vor allem diejenigen, die ihn bereits weitaus länger kennen als ich, von diesen Interessen aber noch gar nichts wussten.

Ist es doch sehr interessant, wie unterschiedlich manche Bewohner auf die verschiedenen Betreuer reagieren. Faszinierend, dass sie manches auch nur bestimmten Mitarbeitern anvertrauen.

Wozu braucht man das eigentlich?

Irgendwann waren wir dann an dem Punkt angelangt, an dem wir auf das Thema Personalmangel im sozialen Bereich zu sprechen kamen. Der Bewohner sprach dies an. War es also auch ihm aufgefallen, dass Personal fehlt. Das oft auch lange niemand nach kommt.

Er hatte dazu einen sehr treffenden Einfall, man könnte doch einfach so die Leute einstellen. Wozu braucht man denn in diesem Bereiche überhaupt eine Ausbildung. Es seien schließlich auch nur Menschen. Würde man das einfach weg lassen, hätte man bestimmt mehr Personal und das Problem nicht mehr an der Backe.

Eigentlich hatte er auf gewisse Weise ja irgendwo recht. Wenn man Mensch ist, kann man sich doch im Grunde in andere Menschen hineinversetzen. Wenn man über einen gesunden Menschenverstand und ein Bauchgefühl verfügt.

Erklärungsversuch

Ganz in meinem Element des Pädagogen, versuchte ich ihm dann zu erklären warum eine Ausbildung auch in diesem Bereich wichtig ist. Vielleicht sogar besonders wichtig.

Ich kam ihm dann mit einem komplett blöden Beispiel an. Ich versuchte mich nämlich daran, den HEP mit einem Metzger zu vergleichen. Ich meinte daraufhin, wenn man mich jetzt in eine Metzgerei stellen würde und mir sagen würde, ich sollte da Stake raus schneiden, hätte ich überhaupt keine Ahnung was ich machen sollte. Würde es einfach irgendwie tun. Andersherum würde es wohl auch dem Metzger gehen, der plötzlich jemanden dazu anleiten soll, sich anzuziehen.

Mit der darauf folgenden Antwort hatte ich dann überhaupt nicht gerechnet, die auf meinen kläglichen Erklärungsversuch folgte. „Du kannst doch eine tote Kuh nicht mit einem Menschen vergleichen. Das ist nicht dasselbe.“

Anderer Versuch

Auf meinen Missglückten Versuch der Erklärung, versuchte ich mich anders. Ich versuchte mich darin ihm zu erklären, was dahinter Steckt. Das sich die Ausbildung zum einen mit der Pflege auseinander setzt, die in diesem Bereich eine große Rolle spielt. Zwar nicht bei allen, aber dann doch bei einigen.

Auf der anderen Seite hingen aber auch andere Sachen mit dran. Wie Pädagogik zum Beispiel, die ich wiederum dafür brauche um Leuten etwas beizubringen. Man lernt in der Ausbildung zum einen wie man speziell schwächere Bewohner Anleitet Dinge zu tun. Oder wie man ihren Alltag zu Hause gestalten kann. Auch wenn sie selbst es nicht tun können. Heißt der Mitarbeiter versucht dies zu übernehmen, die Freizeit zu gestalten und das in einem schönen Rahmen.

Bei leichter behinderten Menschen müsse man dann aber anders vorgehen, auch das würde man in der Ausbildung lernen. Wie man damit umgeht. Wie man damit umgeht ihnen dabei zu helfen, ihr Leben gut zu leben.

Außerdem würde der Medizinische Aspekt eine große Rolle spielen. Im Sinne, dass man sieht, wenn jemand einen Schlaganfall oder Epileptischen Anfall hat. Wie man damit umgeht und wie man zu reagieren und zu handeln hat.

Der Bewohner brachte hierbei dann einen Einwand. Äußerte er, dass der HEP also sowas wie in die Richtung Krankenpfleger wäre. Allerdings konnte ich diesen Vergleich nicht ganz bestätigen. Denn kann ein Krankenpfleger weitaus mehr Medizinischen Maßnahmen durchführen wie ich es je dürfte. Viele Medizinische Dinge müssen beispielsweise über eine Medizinische Fachkraft abgewickelt werden. Beziehungsweise müsste sie es mir beibringen und mich dazu anleiten. Weil ich es in der Ausbildung nicht hatte.

Der nächste Einwand bestand dann darin, dass die Frage aufkam, dass ein Heilerziehungspfleger im Grund im „fitteren Bereich“ fehl am Platz wäre. Da dieser ja mehr das Pflegerische und Medizinische hätte.

Musste daraufhin leider auch wieder einen Einwand einwerfen. Da es in der Ausbildung auch Inhalte zur Wiedereingliederung gibt. Unterstützung und Beratung wären eine große Aufgabe in diesem Bereich, die mitunter einen Ausbildungsinhalt darstellt. Ganz zu schweigen von rechtlichen Grundlagen, die für manches benötigt werden, von denen ein nicht gelernter, vielleicht nichts weiß.

Er schien es im großen und ganzen dann wohl doch verstanden zu haben, weshalb eine Ausbildung in diesem Bereich so wichtig ist. Es einfach ein sehr weitgefächertes Gebiet ist, in dem man nie auslernt. Menschen einfach viel zu unterschiedlich sind. Man aber lernt, durch verschiedenen pädagogische aber auch Menschliche Vorgehensweisen damit umzugehen und entsprechend zu handeln.

Ganz zu schweigen von den Maßnamen und Zielen, die man erlernt. Beziehungsweise wie man diese Erstellt und einen Blick dafür bekommt. Einen Blick dafür, was für Bedürfnisse jemand hat und ausbaufähig wäre. Auch wenn dies noch so klein ist.

Verständnis worauf es hinaus gehen sollte

Ich konnte allerdings verstehen worauf er eigentlich hinaus wollte. Weshalb ich relativ schnell noch etwas zwischen schob. Ist es in Bayern nämlich so, dass 2 Jahre Praktikum verlangt werden, bevor man die Ausbildung beginnen kann. Ansonsten No Way. Außer man hat Abitur. Oder eine mehrköpfige Familie versorgt. Oder eine Abgeschlossene, mindestens  2 Jährige Ausbildung, die irgendwie mit Heilerziehungspflege in Zusammenhang steht.

Auf die zwei Jahre Praktikum, in denen man für 450 € arbeitet, folgen dann weitere drei Jahre. Drei Jahre duale Ausbildung. Heißt, mindestens 22 Stunden in der Woche im Betrieb, der Rest in der Schule.

Viele schreckt genau das oft ab. Viele Denken sich, bevor ich 5 Jahre lang rum tu, bis ich fertig bin, mach ich lieber was anderes. Dann bin ich in 3 Jahren damit durch. In fünf Jahren studiert manch anderer. Während andere eine Ausbildung machen.

Fazit

Das Gespräch hat mir in dem Sinn nochmal die Augen ein wenig geöffnet. Den Blickwinkel anders gesetzt. Mir nochmal intensiv klar gemacht, um was es in meinem Job eigentlich geht. Was eigentlich meine Schwerpunkte sind. Was wichtig ist. Worum es eigentlich überhaupt geht.

 

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