Als ich keine Leitung mehr sein wollte.

Ab Mai habe ich einen neuen Job. Ich fange als Gruppenleitung an. Das Ah und das Oh ist groß, mir ist das irgendwie ein bisschen peinlich. Eigentlich ist es doch nichts besonderes, auch wenn ich das immer wollte.

Mai 2017

Der Umzug, ist durchgestanden. So richtig habe ich mich zwar in der neuen Wohnung noch nicht eingelebt, es fehlen noch die richtigen Möbel. Ist alles noch etwas unordentlich und zusammengewürfelt. Ein richtiges Systhem hat es noch nicht, aber das wird bestimmt noch. Nach dem Maifeiertag starte ich dann auch in der Berufswelt neu durch. Habe es immer noch nicht realisiert, dass ich tatsächlich die Gruppenleitung bekommen habe.

Beim arbeiten ist noch alles ziemlich neu für mich. Muss mich auf so viele Sachen neu einstellen. Neue Leute. Neues Klientel. Neue Kollegen. Neues Umfeld. Geregelter Tagesablauf, wenn man das so bezeichnen kann.

Ich muss mich daran gewöhnen jeden Tag um spätestens 6 Uhr morgens aufzustehen, täglich ingesamt gut 60 km Arbeitsweg zurückzulegen und das von Montag bis Freitag. Dazu kommen noch geregelte Arbeitszeiten. Einen freien Tag, unter der Woche, gibt es nicht mehr, dass Schichten hat ein Ende. Keine Nachtschichten mehr. Und am Wochenende frei. Auf gehts!

Die Kollegin in meiner Gruppe, die als Gruppenhelferin eingesetzt wird, soll mich im Alltag unterstützen, damit ich auch Zeit für die Bürokratischen Sachen habe. Sie ist 20 Jahre älter als ich. Ich weiß noch nicht was ich von ihr halten soll. Sie wirkt sehr überschwänglich und redet oft sehr schnell. Sie will gleich alles verändern. Alles anders machen. Und alles umkrempeln. Mir geht das aber ein bisschen zu schnell. Ich möchte doch erst mal ankommen dürfen.

Die Kollegininnen aus den anderen Gruppen hingegen, sind alle in meinem Alter. Und wirken auf mich sehr offen, hilfsbereit und auch freundlich. Bieten mir sogar, immer wieder, hilfe an, wenn ich mal nicht weiter weiß oder einen Rat brauche.

Juni 2017

Die ersten Wochen sind rasend schnell vergangen. Langsam  komme ich in den Ablauf vom Alltag rein. Es entwickelt sich eine gewisse Routiene. Kann mich zunehmend auch auf änderungen einlassen. Habe auch selber einige Ideen.

Ich wurschtle mich außerdem durch diverse Maßnahmepläne, nachdem ich die zu Betreuenden inzwischen ein bisschen kennengelernt habe. Manche Pläne möchte ich generalüberholen und umformulieren. Auch manch ein Fördereziel möchte ich ändern, da ich anderer Meinung bin, als meine Vorgängerin. Bin der Meinung, andere Ziele wären passender.

Beziehe Kollegin mit ein, sowohl in der umstrukturierung des Alltages als auch beim Pläne schreiben. Hole mir ihre Meinung dazu mit ein, da sie die Leute besser kennt als ich. Lasse ihr aber auch einen gewissen Freiraum, damit sie ihre Ideen mit einbringen kann.

Kollegin beschwert sich allerding seit einiger Zeit, beinahe täglich darüber, wie schrecklich meine Vorgängerin war. Und wie schlimm für sie die Zeit gewesen sein muss. Es wird zu einer regelrechten Hetzerei. Ich finde das nicht okay, antworte aber überwiegend nicht drauf, in der Hoffnung, sie würde damit einfach von selber wieder aufhören.

Juli 2017

Die Jammereien haben immer noch kein Ende genommen. Beinahe täglich kommt das Thema, wie schlimm meine Vorgängerin war, auf  den Tisch. Dazu das permanente gejammere darüber, wie viel arbeit wir doch hätten. Und das die anderen Gruppen gar nicht so viel machen müssen und es total gemütlich hätten.

Bin nicht wirklich ihrer Meinung. Obwohl ich mehrmals, recht höflich, dazu geäußert habe, es wäre dann auch mal gut mit der Jammerei, nimmt das ganze kein Ende. Eigentlich bin ich es leid. Sobald ich  allerdings äußere, was ich davon halte, scheine ich einen Wunden Punkt zu erwischen. Aber was erwartet sie denn von mir? Das ich bei etwas zustimme, dass ich nicht mal ansatzweise beurteilen kann?

Nebenbei habe mich noch immer nicht an das frühe aufstehen gewöhnt. Fange außerdem an morgens zu trödeln. Fange an die Spätschichten zu vermissen und unter der Woche frei zu haben. Irgendwie hatte das schon was.

Nachdem ich auch das Gefühl nicht los werde, nicht richtig im gesamten Team anzukommen, vermisse ich auch meine ehemaligen Kollegen zunehmend. Mein Kopf fühlt sich außerdem immer leicht überreizt an, als hätte man einfach eine Tüte Watte genommen und die Watte in meinen Kopf gestopft, was dazu führt, dass ich manchma nicht mehr ganz klar denken kann.

August 2017

Ich bin eindeutig Urlaubsreif. Es ist schon zu lange her, dass ich mich wirklich erholen konnte. Ich fühle mich sehr angespannt. Außerdem ist es oft sehr heiß bei der Arbeit. Wirklich eingewöhnt habe ich mich immer noch nicht. Geschweigedenn das ich mit der Aufsteherei oder dem extrem durchstrukturierten Tagesablauf wirklich zurechtkommen würde.

Mittlerweile bin ich zunehmend frustriert. Jede Woche wird der gleiche Ablauf runtergerattert. Einen wirklich großen Handlungsspielraum hat man nicht. Und weil alles so durchgetacktet ist, kann man sich die Arbeit kaum so einteilen wie man es möchte

Die Jammereien von Kollegin, wie blöd doch alles ist, lassen langsam nach. Die Differenzen im gesamten Team scheinen dafür aber größer zu sein, als ich es eigentlich erwartet hatte. Es wird oft zwischen den Gruppen differenziert. Und jeder brötelt so vor sich hin. So ein richtiges zusammen gibt es nicht.

Kollegin reißt  immer mehr Aufgaben an sich. Führt sich teilweise auf, als wäre sie die Gruppenleitung. Wenn ich sie nicht machen lasse und gegenhalte, ist das Klagen groß und die Vorwürfe nicht zu knapp. Jegliche Versuche gegenzuhalten und darüber reden zu wollen sind in den meisten Fällen zum scheitern verurteilt.

Zum Glück ist jetzt bald Urlaub. Und ich muss mich zwei Wochen nicht damit auseinader setzten.

September 2018

Nach dem Urlaub hat sich nicht wirklich etwas an der Situation geändert. Ist es eher übler geworden. Das Gruppenklima wirkt stickig und angespannt. Bin schnell genervt, was wohl nicht zuletzt mit einer gewissen Unzufriedenheit zusammenhängt. Kollegin stellt sich außerdem zunehmend in den Mittepunkt. Alles was ich tue, scheint nicht gut genug zu sein.

Die Lästereien über die Kollegen nehmend zu. Dafür bin ich dann wieder gut genug. Kollegin reagiert auf der anderen Seite aber oft auch mir gegenüber schnippisch. Reagiere ich darauf, spricht sich nicht darüber was wirklich ihr Problem ist. Beinahe täglich bekomme ich das gefühl, die Gruppenleitung wäre, ihrer Meinung nach, mit jemand anderem besser besetzt gewesen.

Nichts was ich tute scheint gut genug zu sein, geschweigedenn das es richtig wäre. Egal wie sehr ich mich auf den Kopf stelle. Egal wie ich meine Meinung kund tue. Und sobald ich der Meinung bin, ich hätte mich gewehrt, ihr ordentlich die Meinung gesagt und mich sowas von ordentlich durchgesetzt, werde ich spätestens am nächsten Tag eines besseren belehrt.

Tag ein Tag aus, der Selbe Käse. Tag ein Tag aus, muss ich mich mit dem selben Ablauf außeinander setzten. Tag ein Tag aus, stehe ich morgens um 6 auf, gehe zum arbeiten und verlasse vor 16:30 Uhr nicht ein einziges mal die Arbeit. Hetzte danach zum Einkaufen, zu irgendwelchen Terminen und in den Stall.

Habe zusätzlich noch diverse andere Aufgaben bekommen. Muss deshalb zusätzlichen Papierkram erledigen und zu Arbeitskreisen dazu. Eigentlich wird mir das alles gerade etwas zu viel und ich weiß nicht wo mir der Kopf steht. Warum habe ich nur ja gesagt?

Dazu kommt auch noch der Nebenjob, den ich jetzt habe. Warum hab ich mir den auch noch angetan? Ich weiß es nicht. Freizeit adiö. Ich dachte eigentlich, mit geregelten Arbeitszeiten würde alles besser werden. Aber mich lässt der Gedanke nicht los, dass genau das Gegenteil eingetreten ist.

Oktober 2017

Zunehmend wird es zur Tourtur. Ich gehe nicht mehr sonderlich gerne zur Arbeit. Es macht mir keinen Spaß mehr. Ich fühle mich nicht wohl. Ich bin angespannt und gestresst. Warte täglich darauf, dass wieder irgendwelche blöden Sprüche oder Kommentare kommen. Schneie immer kurz vor Knapp in der Arbeit ein.

Und wenn keine blöden Sprüche und Aufmüpfigkeiten kommen, dann ist es eben die Lesterei über die anderen.  Die Meckerei über die Vorgängerin. Das ständige gejammer und genöle darüber, wie blöd alles ist. Die Besserwisserei und Klugscheißerei. Oder angepisstes Verhalten, wenn ich doch mal zu einem Termin muss und mich aus dem Gruppengeschehen ausklinken muss.

Denke  vermehrt an die Zeit in der WG zurück und vermisse es. Frage mich ob es nicht vielleicht eine Option wäre, doch wieder zurück zu gehen. Vielleicht war die Schichterei doch nicht so schlecht, wie ich immer angenommen habe. Und ich hatte sehr viel Freizeit. Und Finanziell macht es, trotz Teilzeit und keine Leitungsfunktion, maximal 50 € aus. Außerdem würde ich wesentlich weniger Sprit und Zeit verfahren. Warum tue ich mir das also alles an?

Zusätzlich kommen die zunehmenden Stimmungsschwankungen der Kollegin von völlig angepisst und hochnäsig zu, ach du bist so toll und es ist alles so super, noch oben drauf. Scheinbar bin ich der Sündenbock für die beinahe täglich wechselnden Stimmungen. Ich weiß langsam nichts mehr damit anzufangen und weiß nicht mehr wie ich damit umgehen soll.

Eigentlich mag ich nicht mehr. Eigentlich geht es mir gewaltig gegen den Strich. Und ich vermisse zunehmend mein altes Team aus der WG. Das Klima im Team, das seit Monaten bescheiden ist und nicht besser wird, zerfrisst und zermürbt mich zunehmend. Die Energiereserven schwinden zunehmend. Wie soll ich das langfristig nur aushalten und durchstehen? Ist es vielleicht doch nicht das non Plus ultra, wie ich immer dachte?

November 2017

Jetzt sind wir also so weit. Der ganze Stress hat dafür gesorgt, dass ich so durcheinander und „Überreizt“ war, dass ich dachte darunter einzubrechen. Blanke Panik machte sich breit, wenn ich nur an die Arbeit dachte. Schweißübertröhmt lag ich Nachts im Bett, konnte nicht schlafen. Was mir zwei Wochen krank einhandelte, wegen akuter Überbelastung und Erschöpfung. Kleinvieh macht bekanntlich auch mist.

In zwei Wochen hat man viel Zeit nachzudenken. Für mich selbst hatte ich schon eine entscheidung gefällt. Ich wollte das nicht mehr. Das war nicht meins und ich mach da nicht mehr mit. Der Entschluss stand fest. Ich würde wieder in die WG zurück gehen. Taten mussten also folgen und ich mit der Leitung der vorigen Arbeit sprechen.

Nach meiner Zwangspause wurde alles noch schlimmer. Was ich jetzt schon wieder getan hatte konnte ich mir nicht erklären, Kollegin sprach schließlich keinen Ton mehr mit mir. Kein guten Morgen. Kein wie gehts dir. Kein gehts dir wieder besser oder was hattest du denn. Totenstille. Schweigen. Ignoranz. Danke auch.

Aber nicht nur das. Hinzu kam, dass ich über mehrere Stunden stehen gelassen wurde. Keine Ahnung hatte wo Kollegin hingegangen war. Letztlich aber bei den anderen saß und sich einen gemütlichen Lenz machte. Alles klar und dafür noch den Lohn einkassieren.

Lange ging es nicht gut, bis mir der Kragen platze und ich beim Chef um ein gemeinsames Gespräch bat. In der Hoffnung so könnte sich einiges klären. Der Termin stand. Und Kollegin redete wieder mit mir, als hätte sie gerochen, dass was im Busch ist.

Vor dem Gesprächstermin wollte ich meinem Entschluss, wieder zurück zu den Wurzeln zu gehen, Taten folgen lassen. Was zur folge hatte, dass ich so schnell gar nicht schauen konnte, wie ich wieder zurück in die WG konnte. Ich schrieb die Kündigung um sie am Gesprächstag direkt abzugeben und mein Arbeitsverhältnis zum Ende des Jahres zu beenden.

Meiner Kollegen sagte ich noch nichts. Wollte ich das Gespräch abwarten. Das Gespräch am Nachmittag verlief nicht gut. Behauptungen an Behauptungen vielen, die völlig überzogen dagestellt wurden nur damit Kollegin in einem besseren Licht stand. Mittlerweile werde ich den Gedanken nicht los, sie könnte dezent narzistisch veranlagt sein. Ich kam kein einziges mal zu Wort. Konnte mich nicht verteidigen. Kam nicht dazu mich zu wehren. Irgendwann wusste ich auch nicht mehr was ich sagen sollte. Und es platzte aus mir heraus, dass ich gekündigt hatte.

Ich bereute es kein Stück. Die Zunehmende Bevormundung und Überheblichkeit. Das ständige andere Schlecht gemache um sich selber besser dazustellen. Die bevorzugung einzelner zu Betreuender. Der teilweise doch extrem ruppige Umgang und die Beratungsresistenz und teilweise nicht vorhandene Einsicht und aktzepanz, haben mir den letzten Nerv geraubt.

Dazu die ständige Monotoni. Das Ständige Gefühl, nicht im Team anzukommen und gerade bei Kollegin nicht gewollt und akzeptiert zu sein. Und das, sind wir doch mal ehrlich, ist keine Stelle wert. Kein Geld der Welt. Und nichts dergleichen, kann ein Team ersetzten, in dem das Klima gut ist. Und in dem man alles besprechen kann.

Dezember 2017

Es geht auf den Endspurt zu. Kollegin ist plötzlich total nett zu mir. Beinahe zu nett um wahr zu sein. Ich traue dem Frieden nicht. Halte mich überwiegend aus den Streitereien der anderen raus. Möchte damit nichts mehr zu tun haben. Habe abgeschlossen.

An meinem letzten Arbeitstag verließ ich das Gebäude mit dem Gefühl, 20 kg Zement losgeworden zu sein, die mir von den Schultern gerutscht waren.

Fazit

Worauf ich mich Arbeitstechnisch einlasse wusste ich. Vermutlich hätte ich das alles auch irgendwie hinbekommen. Was ich aber nicht wusste war, auf was für ein kaputtes Teamgefüge ich treffen werde, in dem niemals ein wirkliches Teamgefühl zustande gekommen wäre. Und die Chance sehr gering war, wirklich Fuß zu fassen.

Inzwischen bin ich einfach schlauer. Ich bin weder der Mensch dafür, geregelte Arbeitszeiten zu haben. Auch wenn man gerne glauben könnte, wer schichtet hat keine Freizeit mehr, liegt im grunde Falsch. Die Schichten die ich habe, verhelfen mir sogar zu mehr Freizeit.

Die Differenzen im Team, haben mich inzwischen zu der Meinung kommen lassen, dass es kein Geld der Welt es wert ist, sich kaputt zu machen. Frage mich außeredem warum ich mir den Stress überhaupt angetan habe. Vollzeit als Leitung, habe ich nur unwesentlich mehr verdiehnt, als mit 80 % als Fachkraft ohne Leitungsfunktion. Selbst das was ich mehr verdiehnt habe, ist schneller in meinem Tank gelandet als ich schauen konnte.

So wie es jetzt ist, ist alles wesentlich entspannter. Mehr Freizeit, ein Funktionierendes Team und fast genau so viel Geld wie damals auch. Nur weniger Stress, weniger Verantwortung, weniger Anforderungen die an dich gesetzt werden und weniger Wochenstunden, dafür aber mehr Freizeit.

Irgendwann will man doch auch mal leben. Nicht nur durchs leben hetzen. Nichts erlebt zu haben und dann, weil man sich kaputt gearbeitet hat, umzufallen oder nicht mehr in der Lage zu sein, etwas mit dem Geld zu machen, dass man sich Jahrelang auf die Seite geschäffelt hat. Aber hauptsache kaputt oder was?

Nein danke, ich lehne ab. Mir gefällt das so wie es jetzt ist, wesentlich besser. Eine Leitung interessiert mich nicht mehr. Will ich auch nicht mehr haben. Das können gerne andere Leute machen, die das vielleicht auch besser können als ich.

Ich bin damit zufrieden, wie es jetzt ist. Und das ist doch das wichtigste, oder? Was bringt mir das ganze wenn es mir keinen Spaß macht oder ich daran kaputt gehe? Nichts. Lieber habe ich mehr freizeit, 50 € Monatlich weniger, bin aber zufrieden.

 

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