Ich bin dann mal weg, oder lieber doch nicht?

Vor knapp 10 Jahren, als ich in meinem letzten Schuljahr kurz vor dem Schulabschluss stand, hatte ich immer eine ganz bestimmte Vorstellung von meinem Leben. Nach dieser Vorstellung hätte ich einen tollen Job, würde super gut verdienen, hätte eine schöne Wohnung und würde die Welt bereisen.

Mit etwa ende 20 würde ich dann den Typ heiraten mit dem ich dann seit mindestens 5 Jahren bereits die Welt bereist hätte, ein Eigenheim besitzen und mit der Familienplanung anfangen.

Kaum hatte ich damals dann die Schule beendet nahm alles seinen Lauf. Und es kam alles anders als ich mir das immer vorgestellt hatte. Wie das Leben eben manchmal so spielt.

Ich hatte einen Ausbildungsplatz im Sack, die mir aber überhaupt nicht gefallen hatte und die ich nach drei Monaten schmiss. Na herzlichen Glückwunsch, was tu ich denn jetzt, bis zum nächsten Ausbildungsstart dauert es noch ein wenig.

Um die Zeit zu überbrücken machte ich also ein soziales Praktikum in einer Werkstatt für behinderte Menschen. Anfänglich dachte ich ja, in den ersten Monaten, spätestens im September bin ich hier weg.

Würde dann eine Ausbildung in irgendeinem Vertrieb als Bürokauffrau oder ähnliches machen. Zum Glück hatte ich damals einen Sinneswandel, ich bezweifle nämlich mittlerweile, dass ich in einem Büro glücklich geworden wäre.

Nach zwei Jahren Praktikum, die als Grundvoraussetzung für die Ausbildung vom Staat vorgegeben sind, drei Jahren Ausbildung, eine Rundreise bei sämtlichen Arbeitgebern in der Gegend, ein fehlgeschlagener Studienversuch und eine Festanstellung in einer Wohneinrichtung später sitzen ich also im Jahr 2019.

Ich habe einen guten Job der mir super gefällt, der zwar besser bezahlt sein könnte, aber dennoch ausreicht um mir ein recht angenehmes Leben in der Mittelschicht zu bescheren.

Ich habe  eine günstige Wohnung zur Miete, die zwar klein ist, aber dennoch reicht. Ein Auto das fährt. Und einmal im Jahr sind etwa 2 bis 3 Wochen wegfahren eigentlich schon drin. War schon in Italien, der Türkei, Irland, Schottland und London.

Ein Eigenheim besitze ich zwar derzeit nicht, offen gestanden ist das bei der aktuellen Immobilien und Preislage auch gerade indiskutabel.

Auch mit der Familienplanung muss ich wohl noch warten, denn der letzte Partner existiert nicht mehr und es sieht auch nicht danach aus, als würde so schnell der nächste kommen.

Wenn man das alles so betrachtet lebe ich eigentlich ein angenehmes Leben und hätte keinen Grund mich über irgendwas aufzuregen. Ich kann tun und lassen was ich möchte, bin lediglich an meinen Job gebunden. Aber wir Menschen wären nicht Mensch hätten wir nicht immer irgendwas zu motzen.

Es gibt immer wieder Phasen in denen ich das Gefühl nicht los werde schier zu platzen und Rastlos herumlaufe. Unzufrieden mit mir, mit Gott und der Welt hadernd.

Und dann rauschen mir die Gedanken durch den Kopf:

Was mache ich hier eigentlich?

Ich gehe arbeiten, Zahle meine Rechnungen und habe noch nicht so viel von der Welt gesehen.

Ständig beklage ich mich darüber das mein Geld immer an andere Leute geht und mir nicht immer so viel bleibt, wie ich das gerne hätte.

Ich habe keine Partner, kein Eigenheim und nach einer eigenen Familie sieht es auch noch nicht aus. Und ich gehe dramatisch auf die 30 zu!

Und was habe ich bitte in den letzten Jahren von der Welt gesehen? Nicht viel! Ich war nirgendwo! Und immer lande ich am Gardasee!

Und in solchen Momenten würde ich am liebsten meine Sachen packen und gehen. Vor allen Verpflichtungen und Problemen fliehen wollend. Und am besten die Probleme da liegen lassen wo sie gerade sind ohne sie zu lösen. Getreu dem Motto, vielleicht gehen sie von selber wieder.

In solchen Momenten packt mich dann der Gedanke, wie toll es wäre, wirklich einfach die Initiative zu ergreifen, hier alles aufzugeben und zu gehen. Nicht mehr mitzumachen, bei dem ganzen was man von einem üblicherweise erwartet. Aus der Norm auszubrechen. Egal was alle anderen davon denken. Hamsterrad adieu!!

Ich fange an haufenweise Beiträge zum Thema Ausstieg zu lesen. Google mich durch das Internet. Scrolle mich durch Blogs. Lese bis spät in die Nach Beiträge. Bin begeistert und denke, dass kann ich doch auch!

Genau in selbiger Situation stand ich neulich auch wieder. Mittlerweile hat sich aber mein Verstand wieder angeschaltet und mir mal gehörig den Kopf gewaschen. Ist aussteigen wirklich das was ich will? Glaube ich wirklich, dass es mir dadurch dann besser geht?

In diesem Moment war ich dann endlich mal ehrlich zu mir selbst. Ich wäre weder Glücklich damit, geschweige denn dass sich manche Sachen die geregelt gehören in Luft auflösen würden. Im Grunde betreibe ich damit nichts anderes, als davor wegzulaufen. Anstatt es einfach zu erledigen.

Außerdem möchte ich einen Ort haben, den ich als mein Zuhause bezeichnen kann. Einen Ort an den ich immer wieder zurückkehre, wenn ich dann mal eine Weile weg war.

Mir reicht es völlig aus, über das Jahr verteilt mit ein paar Länder anzusehen. Nach einiger Zeit zieht es mich meist nämlich wieder nach Hause. Und wo sollte ich denn dann hin, wenn ich gar kein zu Hause habe?

Und nach genauerer Betrachtung meiner Finanzlage stelle ich fest, ich hätte Geld, würde ich nicht für so viele schwachsinnige Dinge das hart verdiente Geld regelrecht aus dem Fenster werfen.

Angefangen bei Fertigprodukten, weil man zu Faul ist selber zu kochen. Bis hin zu horrenden Ausgaben für Kaffee, weil man der Meinung ist, der Filterkaffee würde nicht ausreichen. Am Abend ein kurzer Abstecher bei McDonalds, weil man von der Arbeit so kaputt ist und gleich aufs Sofa möchte.

In der Handtasche schon wieder die 10 € Schachtel Zigaretten, weil man es einfach nicht bleiben lassen kann und der Meinung ist, man wäre bei den Kollegen abgeschrieben wenn man nicht mehr raucht und würde auch zu keiner Pause mehr kommen.

Darüber hinaus muss die Frisur anstandslos sitzen. Was würden denn die Leute sonst von einem denken, wenn man nicht ordentlich frisiert herumläuft. Ganz zu schweigen, was die Männerwelt von einem denkt, wenn man nicht korrekt gesteilt ist und scheiße aussieht.

Und so geht das dann fröhlich weiter. Man schleudert Geld für Dinge heraus, nur um anderen Menschen zu gefallen. Egal ob man selbst damit Glücklich ist oder nicht. Weswegen man sich eigentlich auch nicht darüber wundern dürfte das das Geld immer so schnell auf und davon ist.

Nachdem ich meine Finanzen gecheckt und sämtliches unnützes Zeug gestrichen habe, stelle ich fest, mir geht es damit gerade weitaus besser. Mir geht es gut. Ich bin zufrieden. Und ich habe es schlicht und ergreifend durch das Lösen von vorhandenen Sachverhalten erwirkt.

An diesem Punkt muss ich dann wieder an den Beitrag von Petra, die eine Reisebloggerin ist, denken. In ihrem Beitrag Warum Aussteigen auch keine Lösung für unglückliche Menschen ist, beschreibt sie eigentlich ganz gut, dass Aussteigen nicht die Lösung für alle Probleme ist. Geschweige denn das Heilmittel schlecht hin, wenn wir der Meinung sind alles sei blöd.

Vermutlich hat dieser Beitrag meinen Verstand aktiviert. Und mir deutlich vor Augen geführt, was ich eigentlich will. Ich möchte zwar reisen, aber nicht alle Länder sehen, weil mich nicht alle Länder ansprechen. Italien gefällt mir richtig gut und ich fühle mich dort wohl. Sehe ich gerade den Gardasee als mein zweites zu Hause.

Ich möchte ein zu Hause haben, in das ich immer wieder zurück kehre. Ich möchte einen Job haben, bei dem ich weiß das er sicher ist und regelmäßig Geld auf mein Konto läuft.

Kurzum, eigentlich möchte ich mein Leben gerne so behalten wie es gerade ist. Ich möchte es nicht tauschen.

 

Werbeanzeigen

Ein Gedanke zu “Ich bin dann mal weg, oder lieber doch nicht?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s