Falsche Wege?

Als ich mich vor fast 10 Jahren dazu entschied, Heilerziehungspflegerin zu werden und in den sozialen Bereich zu gehen, hatte ich Anfangs immer das Gefühl, da geht was. Läuft der Laden und es geht wirklich was vorwärts.

Mein Hintergedanke war auch immer, ich will in der Behindertenhilfe arbeiten um Menschen mit Behinderung ein so selbstständiges und normales Leben bieten zu können, wie es nun mal möglich ist. Möchte sie dabei unterstützen und ihnen dabei helfen.

In letzter Zeit bin ich aber an einen Punkt gekommen, an dem ich immer mehr resignierte. Zum einen wird es einem vom „normalen“ Umfeld oft nicht ganz leicht gemacht, gerade Menschen die im Rollstuhl sitzen, ein halbwegs normales Leben zu bieten, weil es oftmals an der Barrierefreiheit hapert.

In letzter Zeit war aber weniger die Barrierefreiheit oder das teilweise völlig ausgebuchte und überlastete Taxiunternehmen mit Rollstuhlgeeigneten Autos schuld an der Miesere, weswegen ich so resigniert hatte. Lag es viel mehr an der Thematik Personalmangel. Obwohl man der Behindertenhilfe immer noch eine etwas bessere personelle Abdeckung nachsagt, wie der Altenpflege.

Aber auch in der Behindertenhilfe, zumindest dort wo ich bis vor kurzem noch gearbeitet habe, hat man zunehmend den Personellen Notstand gespürt. Eine Gruppe, besetzt mit 8 Bewohnern. Davon 6 vom Pflegeaufwand stark aufsteigend und massiv auf Hilfe angewiesen. Spätdienste unter der Woche mit 2 Mitarbeiter besetzt. Der eine bis 21 Uhr, der andere, wenn man Glück hatte bis 22 Uhr. Ab 19:30 Uhr noch der Nachtdienst dazu.

Am Wochenende sah die Besetzung meist so aus, dass drei Mitarbeiter über den Tag verteilt zum Dienst auftauchten. Ab abends dann noch der Nachtdienst. Mit einer zweier Besetzung, wie sie unter der Woche stattfindet, machst du keine sonderlich großen sprünge.

Vielleicht begleitest du noch jemanden schnell wo hin, kratzt dann aber die Kurve, weil du den Kollegen nicht all zu lang alleine lassen möchtest. Meistens bestand die größte Tagesaktivität unter der Woche darin, alle zwei Tage, mit einem Bewohner Lebensmittel einkaufen zu gehen.

Mal einen trinken gehen, oder einen Film im Kino schauen oder mal einfach essen gehen? Naja, wie denn? Kannste ja knicken, wenn man bedenkt, dass man 6 Bewohner mit einem recht hohen Pflegeaufwand zu betreuen hat und das zu zweit.

In folge dessen, bestehen die Optionen darin, den Dienst meilenweit zu überziehen und gefühlt nie wieder in den Feierabend zu kommen oder man lässt etwaige Freizeitbespaßungen einfach bleiben.

Am Wochenende kannst du mit einer Dreierbesetzung auch keine großen Sprünge machen. Je nach dem wie viele Bewohner nicht zum Wochenendbesuch nach Hause gefahren sind.

Je nach dem wie die Belegung von Bewohnern am Wochenende ist, können entweder die Überbleibsel zusammen einen Ausflug machen, oder du musst dich aufteilen und Etappenweise etwas unternehmen, weil du nicht genug Schieber für die Rollstühle hast. Irgendwer kommt letztlich dann aber immer zu kurz und muss zurückstecken in dem er oder sie zu Hause bleibt.

Spontanität ist mit der Standartbesetzung auch nicht immer möglich. Größere Aktivitäten musst du beinahe Wochen im Voraus planen, damit du aus Personalplanerischer Sicht mehr Mitarbeiter einplanen kannst. Grundsätzlich und prinzipiell mehr Personal einzuplanen ist oft einfach nicht möglich, manchmal auch nicht zu rechtfertigen.

Und dann sitzt du da. Denkst dir, nein so habe ich mir das nicht vorgestellt. Hast aber einen so derartigen Engpass an Personal, dass eine bessere Besetzung gar nicht möglich gewesen wäre. Große Bespassen fällt flach. Weil dir die Personellen Mittel fehlen.

Irgendwann ruft dann auch schon wieder die Pflegerische Pflicht, weil der Zeitplan sonst nicht aufgeht. Oft hat es mich dann einfach so traurig gemacht. Ich selbst bin völlig gesund und bin nicht auf fremde Hilfe angewiesen. Ich mache etwas aus, gehe aus der Tür und gehe einfach los. Kann mich in mein Auto setzten und einfach machen.

Die Bewohner können das aber nicht. Zum einen sind sie zwar vielleicht geistig fit genug um alleine los zu gehen, sind aber dennoch auf Hilfe angewiesen, weil sie im Rollstuhl sitzen und alleine keine großen Strecken zurücklegen können, weil kein Elektrorollstuhl genehmigt wurde. Andere wiederum, sind so schwer behindert, dass sie gar nichts alleine können, selbst wenn sie einen E-Rolli hätten.

Keiner von ihnen kann einfach aus der Türe spazieren und einfach machen. Eine wundersame Genesung habe ich noch bei keinem erlebt. Letztlich kamen mir alle immer vor wie Tiere die im Zoo eingesperrt sind. Tiere in Gefangenschaft.

Und wo ist da jetzt noch die Integration und Inklusion von der immer alle sprechen? Wo ist das alles? In den letzten Monaten habe ich nicht viel davon gemerkt. Kam es mir eher so vor, als hätte man Menschen mit Behinderung wieder mehr von der Gesellschaft abgeschottet und in ihren Wohnheimen isoliert.

So das kein Mensch mehr etwas von ihnen hört oder sieht. Eingepfercht in ihrer Isolierten Welt. Etwas besseres fällt mir schlichtweg nicht mehr dazu ein. Und so will ich nicht arbeiten. Das kann ich nicht.

Das geht schlichtweg gegen meine Überzeugung, mich ausschließlich in bestimmten Räumlichkeiten um das Klientel zu kümmern. Ohne auch nur ansatzweise die Möglichkeit zu haben, ihnen ein normales Leben zu bieten. Und ein normales Leben bedeutet für mich, meine vier Wände öfter zu verlassen, als nur einmal im Monat (wenn überhaupt.

Bedeutet für mich Normalität auch, dass ich meine vier Wände nicht nur verlasse um in die Behindertenwerkstätte zum Arbeiten zu fahren. Sondern auch mal was anderes sehe, so wie jeder andere Mensch, der nicht behindert ist, auch.

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