Im Kindergarten gelandet?

Gut, mittlerweile zähle ich mehr als 4 Wochen im neuen Job. Und wisst ihr was? Es gibt kaum einen Tag, an dem ich mir folgende Frage nicht stelle: „Bin ich etwa im Kindergarten gelandet?“ An manchen Tagen erwische ich mich bei der Übergabe sogar dabei wie ich sage „Frau xy, ja, die nervt einfach!“

Aber warum eigentlich? Da muss ich beinahe ein wenig ausholen. Aber gut. Vor vier Wochen also der Jobwechsel. Von Pflege in Betreuung. Heißt aus teilweise komplett pflegebedürftigen jungen Erwachsenen wurden junge Erwachsene mit Verhaltensauffälligkeiten, psychiatrischen Diganosen und leichten geistigen Behinderungen. Wobei hier die Verhaltensauffälligkeiten und psychiatrischen Diagnose klar vor der geistigen Behinderung stehen.

Im Grunde habe ich hier also eine Hand voll Erwachsener Leute, die auch als solche behandelt werden möchten. Von der geistigen und emotionalen Entwicklung aber irgendwo im Kindesalter oder irgendwo in einer Vorpubertäten wenn nicht sogar Pubertären Ebene hängengeblieben sind. Sich entsprechend auch genau so aufführen und verhalten. Das Kleinkind im Körper eines Erwachsenen.

Und genau hier liegt der Knackpunkt, warum ich mir oft vor komme, als wäre ich von einem Haufen Kleinkindern umzingelt, anstatt irgendwo in der „Erwachsenenbildung“ unterwegs zu sein. Wenn man das so überhaupt bezeichnen kann oder darf.

An Tagen, an denen es wirklich deftig ist, frage ich mich sogar, ob ich nicht aus versehen meine Bewerbung an einen Kindergarten geschickt habe, anstatt an ein Wohnheim, dass eigentlich für Erwachsene gedacht ist. Und irgendwie was übersehen oder nicht bemerkt habe, als ich eingestellt wurde.

Lieblingsthemen sind beinahe täglich Essen, Kaffee und Zigaretten. Grundsätzlich kannst du jeden Tag über mindestens eines dieser drei Themen diskutieren. Wenn nicht sogar über alle drei.

Bewohner: „Kann ich ne Zigarette haben?“

Ich: „Nein, deine nächste Zigarette ist erst um 14 Uhr vorgesehen.“

Bewohner: „Ja aber ich will jetzt rauchen und nicht erst später!“

Ich: „Nein. Du bekommst die erst um 14 Uhr von mir.“

Bewohner: „Ich will aber jetzt eine rauchen und nicht erst später.“

Ich: „Du hast klare Zeiten, wann du deine Zigaretten bekommst, es gelten hier Regeln und daran hast auch du dich zu halten!“

Bewohner: „Ja aber warum, man. Ich hab doch Zigaretten“

Ich: „Weil du für mehr kein Geld hast.“

Bewohner: „Doch hab ich wohl. Ich war heute in der Taschengeldverwaltung. Die haben gesagt, da ist Geld drauf.“

Ich: „Und von welchem Geld gedenkst du dir neue Zigaretten zu kaufen, wenn du dein Geld verbraucht hast?“

Bewohner: „Ja keine Ahnunung, aber ich hab doch Geld.“

Ich: „Ja du hast aber auch Schulden. Und von welchem Geld gedenkst du die zu bezahlen, wenn du dein ganzes Geld für Zigaretten auf den Kopf kloppst?“

Bewohner: „Ja keine Ahnung. Kann ich jetzt ne Zigarette?“

Ich: „Nein“

Bewohner: „Aber Kollege xy gibt mir auch immer mehr“

Ich: „Bin ich Kollege xy?“

Bewohner: „Poa, dann geh ich jetzt zu xy, der/die gibt mir immer Zigaretten.“

Irgendwann hat sich die Lage beruhigt. Meistens schafft besagter Bewohner es auf irgendeine Art und weise, sich eine Zigarette wo anders zu organisieren. Wäre ja nicht so, dass die Leut nicht unglaublich gewieft und kreativ wären, wenn sie was haben wollen.

Beim Abendessen entfacht dann schon wieder die nächste Auseinandersetzung. Ich will dies zu essen, ich will jenes zu essen. Das was auf m Plan steht will ich nicht. Der nächste will ne Extrawurst. Der übernächste was ganz was anderes. Wozu wird überhaupt der Plan gemacht, wenns eh keinem in den Kram passt? Dann kann mans ja gleich bleiben lassen oder?

Am Tisch entfacht die nächste Diskussion. Der hat viel mehr als ich. Warum hat der was anderes als ich. Ich will noch was zu essen haben. Ich hab noch Hunger. Warum bekommt der eine extra Portion. Warum bekommt jener was ganz was anderes.

An manchen Tagen bekommst du da echt nen Vogel. Nicht selten entweicht mir dazu irgendwann der Kommentar: „Ihr seid auch überhaupt nicht Futterneidig oder? Ihr würdet aus lauter Neid, so viel rein schieben bis es euch wieder Rückwärts kommt oder? Nur weil ihrs dem andren grad nicht gönnen könnt?“

Meistens folgt betretenes schweigen. Irgendwem fällt dazu aber ein unglaublich unplausiebler Gegenkommentar ein, der für gewöhnlich mit Ja aber Beginnt und von mir mit „Nichts ja aber, wer Kotzt der putzt.“ beendet wird.

Da fragst du dich manchmal echt, was ist da eigentlich gerade verkehrt gelaufen? Zumal von einem Moment auf den anderen die Welt plötzlich wieder komplett normal ist. Als wäre nie was gewesen. Als hätte man sich gerade eben am Tisch nicht über Portionsgrößen, Extrawürste oder der gleichen in die Wolle bekommen.

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